Lutz Bucklitsch

Menschenrechte & Rechtsextremismus

Iran: So fing es an

So fing alles an…am 25.Juni 2009 – „Neda“ veränderte nicht nur mein Leben

BERLINER TRAUERN UM TOTE IRANER….26.06.2009

Eine Kette aus Lichtern und Angst

Gedenken an die Toten im Iran: Teilnehmer der Berliner Lichterkette stellen ein Friedenszeichen auf. (Foto)
Gedenken an die Toten im Iran: Bei einer Lichterkette in Berlin stellen Teilnehmer eine Friedenszeichen aus Kerzen auf.Bild: news.de

Von news.de-Redakteur Timo Nowack

Mehr als tausend Menschen haben in Berlin mit einer Lichterkette der Toten aus dem Iran gedacht. Angemeldet hat die Veranstaltung ein Deutscher – weil viele Iraner Angst haben, namentlich aufzutreten.

Er trägt Dreitagebart, Anzug und eine Lidltüte voller Kerzen. Lutz Bucklitsch steht auf dem Platz an der Berliner Gedächtniskirche vor Kentucky Fried Chicken und wartet. Die Kerzen hat er für eine Frau mitgebracht, die im Iran gestorben ist und die er nur aus dem Internet kennt. «Ich habe das schreckliche Video von Neda gesehen und das hat mich sehr betroffen gemacht», sagt Bucklitsch. Die junge Frau, deren Tod während der Proteste in Teheran per Internet-Video um die Welt ging, haben ihn zum Handeln veranlasst.

Bucklitsch nahm im Internet-Netzwerk Facebook Kontakt mit Iranern auf, die in Deutschland leben. Zusammen mit ihnen habe er für diesen Donnerstagabend eine Lichterkette zum Gedenken an die Opfer er Proteste im Iran organisiert, sagt Bucklitsch, und die Veranstaltung gleich unter seinem Namen angemeldet – weil die meisten Iraner Angst gehabt hätten, namentlich in Erscheinung zu treten. Jetzt wartet er mit seinen Kerzen. Es ist 20.30 Uhr. «Ich hoffe, dass etwa 2000 Leute kommen», sagt Bucklitsch. «Warten wir es ab.»

 Neda

Nach der Präsidentschaftswahl im Iran vor zwei Wochen, dem verkündeten Sieg von Amtsinhaber Ahmadinedschad, der angeblichen Niederlage von Herausforderer Mussawi und der anhaltend brutalen Niederschlagung der oppositionellen Proteste ist der Aufstand der Iraner auch in Deutschland angekommen. In verschiedenen Städten gab es schon Solidaritätsdemonstrationen. Heute in Berlin soll still getrauert werden.

Es ist 21:30 Uhr. Der Platz vor der Gedächtniskirche hat sich gefüllt mit Iranern, aber auch mit vielen Deutschen. Am Ende sollen es laut Polizei rund 1200 Menschen gewesen sein, laut Lutz Bucklitsch sogar fast 3000. Der Organisator verschwindet in der Menge. Fast alle tragen schwarze Kleidung, haben brennende Kerzen in Hand. «Wir wollen ein Zeichen setzen, dass wir immer noch um die Toten trauern und solidarisch sind mit den Menschen im Iran», sagt eine junge Frau, die ihren Namen lieber nicht im Internet lesen möchte. «Sonst könnte es gefährlich werden, wenn ich wieder mal in den Iran einreise», erklärt sie. Gerade in den vergangenen Tagen sei die Situation beängstigend. «Viele meiner Freunde aus dem Iran haben ihre Facebook-Namen geändert und die Fotos gelöscht», sagt sie. Eine ähnliche Geschichte kann hier an diesem Abend fast jeder erzählen

«Wir tragen die Namen von getöteten Studenten»

Vor den Stufen der Gedächtniskirche stellen die Menschen aus Teelichtern, Grablichtern und anderen Kerzen das Wort Iran und ein Friedenszeichen auf. In einem Herz aus Lichtern steht ein Foto der getöteten Neda. Es ist eine Gedenk- und Trauerveranstaltung, es gibt keine Reden, kein Programm, keine Fahnen und Plakate.

Und wie steht es mit der Unterstützung für Oppositionsführer Mussawi? «Das gelbe vom Ei ist der auch nicht», sagt der 63-jährige Hassan, der mit einer Kerze in der Hand in der Menge steht. «Wir sind gegen die islamische Republik, Mussawi ist nur ein Symbol.» Auf seinem Jacket ist ein Aufkleber mit den Worten «Mobina Ehaterami» zu sehen. «Wir tragen die Namen von getöteten Studenten», erklärt Hassan. «Sie sind Märtyrer.» Er selbst hat auch Verwandte im Iran. Bisher sei ihnen nichts passiert. Allerdings habe er schon seit Tagen nichts von ihnen gehört.

Einige Meter weiter hat sich ein Kreis aus Menschen gebildet. In der Mitte stehen etwa zehn junge Iraner gekleidet in ihren Landesfarben Grün, Weiß, Rot und singen. «Das sind Lieder aus der Zeit der Studentenproteste vor zehn Jahren und die Nationalhymne», erklärt eine Frau. Der Platz an der Gedächtniskirche, unweit vom Bahnhof Zoo und vor Stunden noch trist und schmuddelig, ist nun wirklich zu einem Ort des Gedenkens geworden, des Lichtes und Gesangs.

Aus Angst den ganzen Computer gelöscht

Mittendin stehen drei Freunde, Berliner Studenten. «Ein Perser, ein Halb-Perser und ein Freund von Persern», sagen sie und lachen. Zuerst nennen sie ihre richtigen Namen, wollen dann aber – mit Ausnahme des deutschen Perser-Freundes Kai – lieber anonym bleiben.

«Ein Freund von mir hat bis vor ein paar Tagen noch viele Videos von den Protesten im Internet gezeigt», sagt der eine der Freunde. «Aber aus Angst hat er jetzt seinen ganzen Computer gelöscht.» Von Bekannten aus dem Iran haben sie gehört, dass dort immer weniger Menschen nachts als Protestzeichen Allahu Akbar von den Dächern rufen, weil die Revolutionsgardisten in die Häuser gehen und die Leute mitnehmen würden.

Wie die meisten an diesem Abend sehen die drei Studenten Oppositionsführer Mussawi nicht als Retter des Irans. «Er ist Teil des Systems und selbst ein Mullah», sagt der eine der Iraner. «Was die Protestierenden im Iran wirklich sagen, ist, dass das System weg muss.» Und wie geht es weiter? «Man kann es nicht absehen», glaubt er. «Aber wir sind eine junge Bevölkerung, 70 Prozent der Iraner sind unter 35 Jahren alt.» Das sei die beste Voraussetzung für Wandel. «Es wird sich auf jeden Fall etwas ändern – die Frage ist bloß, ob schon dieses Mal.»

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